Mit dem Sonderzug nachem BVB - hin (21.03.2010)

Es war Freitag nachmittag, als mein Sohn Marlon mich im Büro anrief. Das macht er nur, wenn es brennt. Mit brennen ist aber nicht etwa eine Katastrophe wie Hausbrand oder so etwas gemeint. Nein - es brennt aus seiner Sicht nur dann, wenn "das Internet nicht mehr funktioniert". Deshalb würde Stromausfall auch dazu gehören. Fehlende Wasserversorgung dagegen wäre egal.

Aber das war dieses mal nicht das Problem. Er müsse unbedingt morgen nach Dortmund - BVB gegen H96. Marlon ist so etwas, was ich als einen Stadiongänger bezeichne. Jemand der mindestens zu jedem Heimspiel ins Stadion geht. Dabei sein ist alles. Fehlen ist nichts. Ich sah meinen Albtraum heran nahen, einen Albtraum den ich allerdings selbst herauf beschworen hatte. In meinem jugendlichen Leichtsinn hatte ich ihm bereits vor längerer Zeit versprochen mal mit ihm ins Westfalenstadion nach Dortmund zu fahren. Nun war es soweit. Alle meine Versuche das drohende Unheil abzuwenden schlugen fehl.

Nachdem er mich ca. 5 Minuten zugequatscht hatte - war ich weich gekocht. In der Hoffnung, dass es keine mehr gäbe forderte ich ihn dazu auf, Tickets zu besorgen. Er legte auf, war aber wenige Minuten später bereits wieder am Hörer und meinte es gäbe keine mehr, weil die H96-Geschäftsstelle die Tickets bereits wieder nach Dortmund zurückgeschickt habe. Davon gäbe es aber noch genug. Ich solle mir keine Sorgen machen. Wir würden schon Tickets vor Ort bekommen. Schlimmer wäre, dass es keine Ticktes mehr für den Sonderzug gäbe. Sonderzug? dachte ich, der Junge will doch nicht etwa mit dem Sonderzug nach Dortmund. Nicht schön bequem in einem IC oder so. Nein - das wäre ja langweilig - kein Gegröhle - keine Rauch- und Alkoholschwaden, keine vollgesifften Toilette. Ohne all die Merkmale einer modernen Zivilisation. Nein - stellte er noch einmal nachdrücklich fest - das wäre langweilig.



Abfahrt in Wunstorf mit dem Sonderzug nach Dortmund

Wenig später hatte er mich auch da weich geklopft. Der einzige Kompromiss, den ich raus holen konnte war, dass wir im Fall einer Niederlage von H96 einen normalen Reisezug nach Hause nehmen würden. Und das H96 sich dort eine Packung abholen würde, dessen war ich mir sicher. Das es kein Ticket für den Zug mehr gab, stört ihn nicht. "Wir kaufen ein Wochenend-Ticket" war die Devise. Damit kämen wir schon durch - die Hoffnung.

Kamen wir aber nicht. Nachdem wir morgens gegen 09:30 Uhr in Wunstorf in den Zug eingestiegen waren, stand irgendwann der Schaffner neben mir. Das Ticket würde in diesem Zug nicht gelten meinte er. Ich müsste ein extra Ticket für den Sonderzug kaufen. Die Tickets haben 12,50 € pro Person gekostet - für Hin- und Rückfahrt. Das ist wirklich ein Spottpreis. Ich glaube, da sind nicht einmal die Reinigungskosten gedeckt.

Und die müssen erheblich sein. Nach unserer Ankunft in Dortmund sah der Zug wie ein einziger großer Schweinestall aus. Es wurde gesoffen was die Blase hält oder auch nicht hält und geraucht so dass unser Zug von außen den Eindruck einer Dampflok hinterlassen haben muss. Auf dem Boden stand das Bier. Die Mülleimer quollen über. Zuletzt wurde, laut Marlons Aussage auch hinein gepinkelt, weil die Toiletten überlastet waren. 

In jeden Bahnhof durch den wir langsam fuhren, das war z. B. Hamm in Westfalen, wurden die Fenster aufgerissen und die Menschen auf den Bahnsteigen auf das übelste angepöbelt. 

Irgendwann, so nach ca. 2,5 h kamen wir im Bahnhof "Signal Iduna Park", direkt am Stadion in Dortmund an. Die Türen gingen auf und alles stürzte aus dem Zug um erst einmal ausgiebig die Grünanlagen zu wässern. Ich würde zu gerne wissen, wie das von außen ausgesehen haben muss. Den Bahnhof konnten wir aber nicht sofort verlassen, weil die beiden Zugänge von der Polizei versperrt waren. Erst ca. 20 Minuten nach der Ankunft wurden wir von der Polizei zum Gästeblock eskortiert. Karten haben wir tatsächlich problemlos kaufen können. 


20.02.2010: Borussenfans bestaunen uns unglaubwürdig und fragen sich "Watt sind denn dat für Vögel?"

Und dann war es soweit. Wir betraten den Fußballtempel der Dortmunder Borussen. Nur einmal zuvor - ich weiß nicht mehr wann - hat mich ein Nachbar mit ins Stadion genommen. Damals noch das Stadion Rote Erde, das direkt neben dem Signal-Iduna Park liegt. Warum es das schönste Stadion Europas sein soll, blieb mir allerdings verborgen. Es besteht im wesentlichen aus Beton, wie viele andere Stadien auch.


20.02.2010: Der Signal-Iduna-Park mit Blick auf die Südtribüne

Wir waren gegen 14:00 Uhr im Stadion, also 1,5 h vor dem Spiel. Marlon hatte bereits die ganze Zeit im Zug gestanden, während ich dort noch eine Sitzplatz gefunden hatte. Jetzt hieß es die Zeit bis zum Anpfiff überbrücken. Für Marlon kein Problem. Er brachte sich durch Mitsingen (oder eher gröhlen) auf Betriebstemperatur. Und als es dann endlich los ging, war die Stimmung im Gästeblock schon ziemlich gut. 

Aber was wir dann zu sehen bekamen war - mit Verlaub gesagt - eine Katastrophe. H96 mag ja alles mögliche können, aber Fußballspielen  gehört nicht dazu. Erst kurz vor der Halbzeit fing sich H96 den 1:0 Rückstand ein. Am Ende stand es 4:1 für den BVB. Also über das Spiel muss man nicht wirklich Worte verlieren.


20.02.2010: Die 96-Fans schwelgen in Erinnerung - mehr ist momentan auch nicht drin

Wir hatten zwar vereinbart, bei einer Niederlage von H96 mit einem normale Reisezug zurück zu fahren. Aber irgendwie war ich davon ausgegangen, dass Marlon noch einmal versuchen würde mich umzustimmen. Aber nichts dergleichen. Er müsse sitzen, meinte er und damit war klar wir fahren mit einem normale Reisezug.

Eine gerammelt volle Straßenbahn brachte uns zum Hauptbahnhof und von dort ging es unspektakulär mit einem RE zurück nach Hause. In Wunstorf waren wir um 21:05 Uhr.